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Implizite Interessenstheorien

10. Juli 2019 Allgemein

Implizite Interessenstheorien
Warum setzen sich manche Menschen mit neuen, unterschiedlichen Interessen auseinander und verfolgen diese konsequent weiter, und andere nicht?

Nachlesen:
Paul A. O‘Keefe; Carol S. Dweck; Gregory M. Walton: Implicit Theories of Interest: Finding Your Passion or Developing It? In: Psychological Science 2018, Vol. 29 (10) 1653-1664.

Über die Autoren:
Professor Paul A. O’Keefe erwarb seinen BA in Psychologie an der University of California und seinen PhD in Sozialpsychologie an der Duke University. Er lehrt seit 2014 an der Yale-NUS-Fa-kultät. Basierend auf den Variablen Motivation, implizite Selbsttheorien, Interessen/Passion und Selbstregulierung liegt sein Forschungsfokus auf der Frage, wie Ziele am effektivsten erreicht werden können.

Professor Carol S. Dweck lehrt Psychologie an der Stanford University. Ihre Kernthemen sind die Sozial- und Entwicklungspsychologie sowie psychologische Denkweisen. Als Autorin wurde sie bekannt durch ihren Bestseller „Mindset. The new psychology of success“ (2006).

Der Sozialpsychologe Gregory M. Walton lehrt am Department of Psychology der Stanford Uni-versity. Er beschäftigt sich vorrangig mit der Identifikation psychologischer Prozesse, die zu sozi-alen Problemen beitragen, sowie der Entwicklung theoriebasierter Interventionen zu deren Be-einflussung.

Theorie und Annahmen:
Das aus renommierten Forschern der Universitäten Yale und Stanford zusammengestellte Team untersuchte in der 5-teilig angelegten Studie, inwiefern implizite Interessenstheorien1 die Offen-heit der Menschen für Bereiche außerhalb ihrer Kerninteressen (Studien 1-3) und die Erwartun-gen an die Motivationsentwicklung (Studie 4) beeinflussen. Unterschieden wird dabei zwischen der fixed theory, die davon ausgeht, dass individuelle Leidenschaften in uns liegen und entdeckt werden müssen, und der growth theory (Wachstumstheorie), die eine jederzeit mögliche Entwick-lung neuer Leidenschaften für wahrscheinlich hält.

Es wurde angenommen, dass den Einzelpersonen, die der fixed theory folgen, nach dem Finden der persönlichen Leidenschaft unbegrenzte Motivation zur Verfügung stehe, so dass das Verfolgen dieser Passion relativ leicht von statten gehen sollte. Im Gegensatz dazu wurde von growth theory-Anhänger erwartet, dass es manchmal schwierig werden könnte, auch als stark erkannte Interes-sen auf Dauer zu verfolgen. Studie 5 untersuchte daher die Hypothese, ob fixed-theory-Vertreter eine Passion diskontieren, sobald es schwierig wird.2

Im Rahmen dieser Studienreihe wurden implizite Interessenstheorien untersucht um herauszu-finden, warum sich manche Menschen mit neuen, unterschiedlichen Interessen auseinanderset-zen und diese weiterfolgen, und andere nicht.

Bei den Probanden handelte es sich ausschließlich um Universitätsstudenten im Alter zwischen 19 bis 24 Jahren, da insbesondere diese Zielgruppe erfahrungsgemäß häufig aufgefordert oder gebeten wird, ihre Leidenschaften zu finden.


1 Implizite Theorien sind persönliche Überzeugungen, deren Gültigkeit unterstellt wird und die bei der Beurteilung von Personen, Situationen u.a. mit einfließen, ohne dass eine vertiefte kritische Analyse erfolgt. Man spricht daher von Alltagstheorien. Bei der Be-wältigung von Situationen des Alltagslebens orientieren sich Menschen häufig an subjektiven Annahmen über den Zusammenhang von Sachverhalten – im Gegensatz zu wissenschaftlichen Theorien, die schriftlich ausformuliert und mit anerkannten Methoden em-pirisch überprüft werden („explizite Theorien“).
(Quelle: www.spektrum.de/lexikon/psychologie/implizite-theorien/7059).
2 vgl. Vierphasenmodell nach Hidi/Renninger: The four-phase model of interest development, in: Educational Psychologist, 41, 111-127. – Dieses Modell deutet darauf hin, dass Interessen extern z.B. durch einen interessanten Vortrag geweckt werden können. Men-schen internalisieren demnach durch die höhere Bewertung, die Steigerung des Wissens etc. dieses Interesse und verfolgen es als Teil ihrer Identität. Das Modell geht von der fixed-theory aus.


Studie 1
(online, Dauer ca. 30 Minuten, 126 Probanden (73 weiblich, 53 männlich)
Können implizite Interessenstheorien eine Offenheit für neuen Leidenschaften bzw. Passi-onen voraussagen?
Vorgehensweise:
Einleitend wurde mit den Probanden ein Online-Screening zur Persönlichkeitsmessung gemäß der Ten Item Personality Measure-Methode (TIPI)3 durchgeführt. Unter anderem sollten sich die Probanden selbst in Bezug auf deren Offenheit sowie auf das Nutzen von Erfahrungen einschätzen:
1. „Ich sehe mich selbst als offen für neue Erfahrungen, komplex“
2. „Ich sehe mich als konventionell, unkreativ“).
Erfragt wurde zudem, ob sie sich eher als
1. techy (Interesse an Technik, Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften)
2. fuzzy (Interesse an Kunst- und Geisteswissenschaften) einschätzen.

Insgesamt nahmen 64 selbst-identifizierte techy- und 62 selbst-identifizierte fuzzy-Probanden teil. Anschließend ordneten sie sich einer der vier Aussagen der Theory of Intelligence-Skala4 zu um herauszufinden, welcher impliziten Interessenstheorien sie folgen:
1. Deine Kerninteressen bleiben deine Kerninteressen. Sie werden sich nicht ändern.
2. Egal, wie zentral deine Interessen für dich sind, sie können sich wesentlich ändern.
3. Du kannst neuen Dingen ausgesetzt sein, aber deine Kerninteressen werden sich nicht we-sentlich ändern.
4. Selbst wenn du sehr starke Interessen hast, können sie sich dramatisch ändern.

Die Probanden erhielten danach zwei Artikel, die sie lesen und ihre Meinung dazu äußern sollten. Beide Artikel wurden zuvor in Länge und Format einander angeglichen, die Quellen wurden an-gegeben.
Es handelte sich um:
1. einen Artikel bezüglich techy-Interessen (zur Zukunft des Internets und das Potenzial von Websites, veröffentlicht 2009 im Journal Science)
2. einen Artikel über fuzzy-Interessen (zur Zukunft der Literaturkritik und den Einfluss von Jacques Derrida5).

Die Probanden wurden gebeten, zuerst denjenigen Artikel zu lesen, der nicht ihrer jeweiligen Identität entsprach, bevor sie denjenigen lasen, der zu ihren eigenen Interessen passte. Nach der Lektüre jedes Artikels beurteilten sie auf einer Skala von 1 (absolut nicht einverstanden) bis 7 (stark einverstanden) ihr Interesse an der Lektüre. Dazu gehörten z.B. Aussagen wie:
1. Diesen Artikel zu lesen war aufregend.
2. Ich möchte mehr über das im Artikel behandelte Thema erfahren.
3. Ich könnte mir vorstellen, dass ich eine Karriere in dem im Artikel behandelten Bereich an-strebe.
Abschließend mussten sie mehrere sekundäre Aufgaben und Fragen dazu beantworten.

Ergebnis:
Je stärker die Probanden die fixed theory vertraten, umso weniger Interesse zeigten sie an dem Artikel, der nicht ihren Interessen entsprach.


3 vgl. Gosling, S.D.; Rentfrow, P.J.; Swann, W.B., Jr. (2003): A very brief measure of the Big Five Personality Domains, in: Journal of Re-search in Personality, 37, 504-528. https://gosling.psy.utexas.edu/scales-weve-developed/ten-item-personality-measure-tipi/
4 vgl. Dweck, Carol Sorich; Blackwell, Lisa S.; Trzesniewski, Kali H.: Implicit Theories of Intelligence Predict Achievement Across an Adolescent Transition: A Longitudinal Study and an Intervention, in: Child Development, Vol. 78, Issue 1, January/February 2007, 246-263.
5 Jacques Derrida (1930-2004), französischer Philosoph, der als Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion gilt. Sein Werk beeinflusste maßgeblich die Philosophie und Literaturwissenschaft in Europa und den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-derts (Wikipedia).


Studie 2
(online, Dauer ca. 30 Minuten, 141 Probanden (88 weiblich, 53 männlich)
Es wäre theoretisch möglich gewesen, dass die Reaktionen der Probanden in Studie 1 im Rahmen der Theory of Interest-Scala das jeweilige Interesse an den beiden zu lesenden Artikeln beeinflusst haben. In dieser Studie 2 wurde daher zur Überprüfung die Reihenfolge der Schlüsselaufgaben umgekehrt: Die Probanden lasen erst die Artikel, bewerteten dann ihr Interesse und füllten zu-letzt die Theorie of Interest-Scala aus. Es wurden die identischen Materialen wie in Studie 1 ver-wendet. Das Ergebnis war identisch.

Studie 3
(online, Dauer ca. 30 Minuten, 89 Probanden (52 weiblich, 37 männlich):
Führt die Zustimmung zur fixed theory zu weniger Offenheit für neue Interessen und somit zu einer Beschränkung der Interessen auf Themen innerhalb des persönlichen Kernbe-reichs?

Vorgehensweise:
Es wurde mit mehreren Wochen zeitlichen Vorlaufs im Rahmen eines Massentests ein Screening durchgeführt. Die Rekrutierung der Probanden erfolgte anhand der Identifikation als techy res-pektive fuzzy. Bis auf wenige Ausnahmen entsprach die Studiendurchführung der aus Studie 1. Die Offenheit für Erfahrungen wurde nicht bewertet, da die Studien 1 und 2 feststellten, dass sie für die Ergebnisse irrelevant ist.
Bevor die Probanden dieses Mal die beiden Artikel lasen, wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt und gebeten, einen zweiseitigen Artikel zum Thema „Psychologie heute“ zu lesen. Die Artikel je Gruppe unterschieden sich wie folgt:
1. Ein Artikel behauptet, dass Interessen stabil sind und inhärente Prädispositionen irgend-wann im Leben offenbart werden und dann relativ unverändert bleiben (fixed theory).
2. Ein Artikel behauptet, dass Interessen formbar sind und sich im Laufe der Zeit entwickeln. Sie werden kultiviert durch die Interaktion zwischen einer Person und einem Thema (growth theory).
Beide Artikel hoben bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Albert Einstein hervor. Die Lesezeit wurde gemessen. Die Ergebnisse derjenigen Probanden, die eine Minute oder weniger Zeit mit Lesen verbrachten, wurden in der Studie nicht berücksichtigt.

Ergebnis und Diskussion:
Die Vertreter der impliziten fixed-theory zeigten geringeres Interesse an dem nicht mit ihren In-teressen übereinstimmenden Artikel als die der impliziten growth-theory. Implizite Interessens-theorien haben somit offenbar einen kausalen Effekt: Im Vergleich zu einer Wachstumstheorie reduziert eine feste Interessenstheorie die Leidenschaft oder Passion eines Menschen an einem Thema außerhalb seines etablierten Interessensbereichs.

Studie 4
(online, 44 Probanden (24 weiblich, 20 männlich)
Wie beeinflussen implizite Interessenstheorien die Erwartungen der Menschen an die Mo-tivation in einem Interessens-Kernbereich? Gibt es eine Motivationserwartung für starke Interessen?

Annahme:
Wenn Menschen glauben, dass starke Leidenschaften inhärent sind und sich voll entfalten, kön-nen sie davon ausgehen, dass diese Leidenschaften von grenzenloser Motivation getragen wer-den. Dadurch fällt es leicht, ihnen zu folgen. Wenn jedoch Leidenschaften erst entwickelt werden, kann dieser Entwicklungsprozess Herausforderungen mit sich bringen. Es könnte manchmal schwierig werden, sie zu verfolgen.

Vorgehensweise:
Zu Semesterbeginn absolvierten die Probanden die Interessens-Theorien-Skala in einem Massen-test. Als Zweck der Studie wurde angegeben, Ideen über die tiefsten Interessen, also die Leiden-schaften von Menschen zu untersuchen. Es wurden eigene Antworten anstelle von vorgegebenen erlaubt, d.h. offene Fragen gestellt, wie z.B.:
– Sobald jemand eine Leidenschaft entdeckt, was passiert mit seiner Motivation, wenn er diese Leidenschaft verfolgt?
– Werden sie eine grenzenlose Motivation haben? Werden sie aufhören zu zögern? Bitte erklä-ren Sie.
Diese Fragen stellten Interessen aus der Perspektive der fixed theory dar, da das Hauptinteresse darin bestand herauszufinden, ob fixed-theory-Vertreter auch die hypothetischen, motivationalen Implikationen der Theorie unterstützen.

Ergebnis:
Je stärker die fixed theory unterstützt wurde,
1. desto höher war die Annahme der Probanden, eine neu entdeckte Leidenschaft würde grenzenlose Motivation bewirken.
2. desto geringer war die Annahme der Probanden, dass es manchmal schwierig sein würde, die neu entdeckte Leidenschaft zu verfolgen.

Studie 5
(online, 71 Probanden)
Inwiefern wird eine Leidenschaft angesichts von Schwierigkeiten aufrechterhalten?

Annahme:
In Studie 5 wurde zunächst die Interessenstheorie eingeführt und dann mit einem ansprechenden Video das Interesse der Studenten an Schwarzen Löchern geweckt. Diejenigen Probanden, die da-nach ihr Interesse an dem Thema bestätigten, lasen einen anspruchsvollen wissenschaftlichen Text dazu und beurteilten anschließend erneut ihr Interesse. Das Forscherteam nahm an, dass das Interesse der fixed-theory-Befürworter stärker abnehmen würden als das der growth-theory-Be-fürworter, besonders bei denjenigen Teilnehmern, die den Artikel als schwierig empfanden.

Vorgehensweise:
Den Probanden wurde vorab gesagt, sie würden gebeten, ihre Meinung zu mehreren Artikeln und Videos zu äußern. Daraufhin wurde jedem Teilnehmer per Zufallsprinzip zugewiesen, entweder den fix- oder den wachstums-theoretisch induzierten Artikel aus Studie 3 zu lesen. Um die Titel-geschichte zu untermauern, wurden die Teilnehmer gebeten, ihr Interesse an dem Artikel zu be-urteilen.
Anschließend wurde den Probanden ein kurzes Video (2:40 min) über Stephen Hawkings Theorie zu Schwarzen Löchern und deren Verbindung mit den Ursprüngen des Universums gezeigt. Die Probanden beurteilten danach ihr Interesse an dem Thema. Für die weitere Studie wurden nur diejenigen ausgewählt, die die Aussage „Was ich im Video gelernt habe, war für mich faszinierend.“ als hoch eingeschätzt hatten.
81% und damit 71 Probanden qualifizierten sich für die Hauptstudie. Sie lasen die erste Seite ei-nes Zeitschriftenartikels des Journals Science über Schwarze Löcher, der für ein wissenschaftliches Publikum geschrieben und daher weit technischer und anspruchsvoller war als das zuvor gezeigte Video. Nur diejenigen Probanden, die mindestens fünf Minuten lang lasen, wurden zur weiteren Studienteilnahme zugelassen und bewerteten nach der Lektüre erneut ihr Interesse an dem Thema. Sie gaben zudem auf einer Skala von 1 = absolut nicht einverstanden bis 6 = stark einver-standen an, wie schwierig es für sie war, den Artikel zu verstehen:

1. Es war schwer, diesen Artikel zu verstehen.
2. Es war für mich schwierig, dem zu folgen, was in dem Artikel diskutiert wurde.

Ergebnis:
Die Probanden fanden den Artikel mäßig schwer verständlich (M = 3,77). Das Interesse an schwarzen Löchern war nach dem Abspielen des Videos wie erwartet hoch. Beim Übergang zum schwierigeren Artikel zeigten die Probanden der fixed-theory-Bedingung einen stärkeren Rück-gang des Interesses an schwarzen Löchern als diejenigen der growth-theory-Bedingung. In beiden Bedingungen wurden ähnliche Schwierigkeitsgrade beim Verständnis des Artikels gemessen.

Diskussion:
Nachdem sie sich ein populärwissenschaftliches Video über Schwarze Löcher angesehen hatten, waren die meisten Studenten fasziniert. Dann lasen sie einen herausfordernden Artikel über das gleiche Thema, und das Interesse ließ nach. Dieser Rückgang war jedoch für die Probanden in der fixed-theory-Bedingung höher als in der wachstumstheoretischen Bedingung.
Studie 4 ergab, dass Studenten mit einer stärkeren fixed-theory weniger wahrscheinlich Schwie-rigkeiten bei der Ausübung von Leidenschaften voraussehen würden. Studie 5 ergab, dass die fix-theory-Studenten bei der Einführung eines neuen Interesses leichter diskontierten, nachdem sie herausfordernden Inhalten ausgesetzt waren.
Die Schwierigkeit mag signalisiert haben, dass es doch nicht ihre Leidenschaft war. Zusammenge-fasst können Studenten der wachstumstheoretischen Bedingung realistischere Überzeugungen für die Verfolgung von Interessen haben.

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